Datum: Freitag, 20. November 2026, 9–16 Uhr
Ort: N. N.
Organisation: Sebastian Bolz und Moritz Kelber
Konzept
Denkmäler haben einen zwiespältigen Ruf. Geschleifte Statuen, die Umbenennung von Straßen oder Debatten um eine »Leitkultur« zeigen, dass die Gründe, die einst zu ihrer Aufstellung oder Einrichtung geführt haben, und mit ihnen Konzepte wie ›Kultur‹ oder ›Identität‹ brüchig und ihre Bezugspunkte – Region, Nation usw. – unscharf geworden sind. Immerhin verbinden sich in der Idee, Denkmäler zu setzen oder Objekte zu Denkmälern zu erklären, der Anspruch kultureller Selbstvergewisserung mit Abgrenzungs- oder Ausschließungsbewegungen.
Diese Debatten fordern unterschiedliche Akteur:innen und Felder auf je eigene Weise heraus: Sie legen nahe, allgemeinen Sprachgebrauch zu reflektieren und anzupassen; sie zwingen beispielsweise Gedächtnisinstitutionen und Einrichtungen der Denkmalpflege, ihre Arbeitsgrundlagen und Aufgaben zu hinterfragen; sie stellen nicht zuletzt inhaltliche, methodische, organisatorische und kommunikative Strukturen der Wissenschaft in Frage.
Unter diesen Bedingungen haben Diskussionen um das Denkmal und verwandte Begriffe und Konzepte in den Geisteswissenschaften in den letzten Jahren an Einfluss gewonnen. Forschungsbereiche wie die »Heritage Science« fallen darunter ebenso wie Fragen der »Cultural Data Literacy«. Eine besondere Rolle spielt in diesem Zusammenhang das Editionswesen. Wie sich Auswahl und Sortierung, Organisation und Präsentation von Korpora verhalten, ist eine Frage, die Editionen unter den Bedingungen des Digitalen reflektieren müssen.
Dass Begriffe wie ›Denkmal‹ oder ›Kulturerbe‹ weiterhin sowohl Teil eines allgemeinen Sprachgebrauchs als auch Gegenstand kultur- und wissenschaftspolitischer Diskussionen sind, gibt unserer Veranstaltung den Impuls. Gemeinsam mit Kolleg:innen und Akteur:innen unterschiedlicher Disziplinen wollen wir ins Gespräch kommen. Dies soll im Bewusstsein geschehen, dass unterschiedliche Fächer und Kulturbereiche je eigene Gegenstände und mit ihnen Sprachgebräuche und Diskurse ausgeprägt haben – in der Musikwissenschaft etwa als Spannungsfeld von Denkmäler- und Gesamtausgabenwesen im Bereich der Edition.
Leiten soll uns dabei stets die Verbindung aus historischer und gegenwärtiger Perspektive. Und gerade weil ›Denkmäler‹ & Co. auch weiterhin Bestandteil der kulturellen, politischen und wissenschaftlichen Praxis sein dürften, muss der Blick auch in die Zukunft gehen. Mögliche Themenfelder und Fragenkomplexe können sein:
Gegenstände und Terminologie
- Was leisteten und leisten der Denkmal-Begriff und verwandte Terminologien für die Geschichts-, Kunst- und Kulturwissenschaften und die dort verhandelten Objekte historisch und gegenwärtig?
- Welche Gegenstände wurden und werden als ›denkmalfähig‹ erachtet (oder nicht) – und warum?
- Wie verhalten sich konkurrierenden Begriffe und Konzepte – neben Denkmal z. B. Erbe, Corpus, Kulturgut, Archiv?
Fachhistorische Perspektiven
- Welche Rolle hatten und haben Denkmäler-Projekte und -Diskurse in unterschiedlichen Fachkulturen? Wie verhielten und verhalten sie sich zu anderen Formen projektbezogener Forschung, z. B. Gesamtausgaben oder Dokumenteneditionen?
- Welche Rolle spielten und spielen Regionalität und/oder (Inter-)Nationalität für die Etablierung, Durchführung und Wahrnehmung von Denkmal-Projekte und -Diskursen?
Träger und Publika
- Von wem gehen Denkmäler-Projekte und -Diskurse aus, wer nimmt an ihnen teil, wer arbeitet an ihnen mit, wer finanziert und unterstützt sie? Auf welchen Infrastrukturen bauen sie auf?
- Wer waren, wer sind die Adressat:innen von Denkmäler-Projekten, wer nimmt an entsprechenden Diskursen teil? Wie beeinflussen sie die Konzeption und die Gestalt?
Digitale Perspektiven
- Welche Rolle spielen Denkmal-Konzepte unter den Bedingungen des Digitalen? Wie verändern die dort gegebenen Möglichkeiten und diskutierten Ansätze das Feld?
- Welche Rolle spielen genuin digitale Gegenstände im Denkmal-Diskurs – jetzt und in Zukunft?
Fragen wie diese sollen zunächst im Rahmen eines eintägigen Workshops diskutiert werden, der von Sebastian Bolz (LMU München) und Moritz Kelber (Gesellschaft für Bayerische Musikgeschichte/Universität Augsburg). Ziel der Veranstaltung ist der Überblick über ein komplexes Feld und die Knüpfung von Gesprächsfäden: Welche Themen sind in einem interdisziplinären Dialog interessant und ausbaufähig, welche Bereiche können oder müssen innerhalb einzelner Disziplinen oder methodisch-theoretischer Felder diskutiert werden?