Werkverzeichnisse sind seit den Anfängen der akademischen Musikwissenschaft ein Grundpfeiler für Forschung und Editionswesen gleichermaßen. Sie sind nicht nur die Grundlage für Gesamtausgabenprojekte, sondern stellen eine wichtige Ressource für musikanalytische Ansätze und kulturhistorische Zugänge dar. Auch für Denkmälerausgaben, wie die Denkmäler der Tonkunst in Bayern, sind Werkverzeichnisse ein zentrales Instrument der musikphilologischen Arbeit. Selten jedoch finden die für Denkmäler- oder Dissertationsprojekte erstellten Werklisten den Weg in die Öffentlichkeit. Wie viele andere Forschungsdaten fristen sie ihr Dasein auf Festplatten oder in Schreibtischschubladen.
Um diesem und anderen infrastrukturellen Problemen zu begegnen, hat die Gesellschaft für Bayerische Musikgeschichte das Digital Lab ins Leben gerufen, eine Arbeitsgruppe junger Musikwissenschafler*innen an bayerischen Forschungseinrichtungen, die gemeinsam an digitalen Lösungen für drängende strukturelle Fragen musikwissenschaftlicher Forschung arbeitet. Das Digital Lab wird von Dr. Moritz Kelber geleitet und steht allen Interessierten zur Mitarbeit offen. Seit Anfang 2026 arbeitet ein Team aus vier Wissenschaftler*innen am Aufbau einer gemeinsamen digitalen Infrastruktur für Werkverzeichnisse.
Um die Nachhaltigkeit einzelner Projekte und die bestmögliche Vernetzung der Daten sicherzustellen, will das Digital Lab der GfBM mit dem Centre für Digital Music Documentation an der Akademie der Wissenschaften in Mainz zusammenarbeiten, das von Kristina Richts geleitet wird. Dort wird im Projekt MerMEIding to the future gerade eine zentrale Infrastruktur für das Management von Metadaten aufgebaut, in der auch Werkverzeichnisse erstellt und präsentiert werden können. Die Daten sollen nach den FAIR-Prinzipien frei und leicht nachnutzbar zugänglich sein und damit einen wichtigen Beitrag zum Datenniveau des Fachs leisten. Das Mainzer Projekt ist community-basiert und offen für Anregungen aus einzelnen Projekten oder Arbeitsgruppen und bietet auch aus diesem Grund die optimalen Voraussetzungen für die aktuellen Bedürfnisse der im Digital Lab versammelten Einzelprojekte. Ein weiterer Kooperationspartner ist das Institut für Musikwissenschaft der Ludwig-Maximilians-Universität München, das die Nutzung der universitären Ressourcen zur Datenverwaltung zur Verfügung stellt.
Digitale Werkverzeichnisse für Orlando di Lasso und Hans Leo Hassler
Moritz Kelber und Niklas Lachmann
Im Jahr 1884 gab Robert Eitner ein Chronologisches Verzeichniss der gedruckten Werke von Hans Leo Hassler und Orlandus de Lassus heraus.[1] Er schuf damit eine Grundlage für die Erforschung der beiden Komponisten und für die editorische Auseinandersetzung mit ihrem Schaffen. Zu beiden Komponisten wurden noch im 19. Jahrhundert Gesamtausgaben begonnen, Projekte, die die Musikwissenschaft bis ins 21. Jahrhundert beschäftigten und noch beschäftigen.[2] Mit der Fokussierung auf gedruckte Werke prägte Eitner den Blick, mit dem man der Musik aus der Zeit um 1600 philologisch lange begegnete. Die Vernachlässigung der auch bei Lasso und Hassler keineswegs unbedeutenden handschriftlichen Überlieferung stellt Gesamtausgabenprojekte allerdings vor beträchtliche Probleme.
Im Fall von Orlando di Lasso versuchte Wolfgang Boetticher diesem Problem mit einer ersten, allerdings unvollständigen Bibliographie der handschriftlichen Überlieferung zu begegnen.[3] Horst Leuchtmann und Bernhold Schmid stellten diesem Register eine dreibändige Dokumentation der gedruckten Lasso-Überlieferung zur Seite, die auch die ungedruckten, ausschließlich handschriftlich überlieferten Werke erfasst.[4] Bernhold Schmid war es auch, der mit der Lasso-Handschriftendatenbank ein Projekt initiierte, das die handschriftliche Überlieferung der Musik Lassos vollumfänglich und anschaulich in einer freizugänglichen Onlineplattform dokumentierte.[5] Bis heute existiert jedoch kein Werkverzeichnis, das die handschriftliche und gedruckte Überlieferung der Lasso’schen Werke vollständig und gemeinsam dokumentiert.
Im Fall der Werke von Hans Leo Hassler ist das Eitner’sche Werkverzeichnis von 1884 noch immer der einzige Versuch, das Werk des Komponisten zu erfassen. Die Struktur der Gesamtausgabe, die sich konsequent an der gedruckten Überlieferung orientiert, ist eine Folge dieser Entwicklung.[6] Die handschriftliche Überlieferung der Musik des gebürtigen Nürnbergers ist nur ausschnittsweise – meist mit Fokus auf einzelne Quellen(gruppen) – dokumentiert. Für die Fertigstellung der Ausgabe ist dies ein echtes Problem, denn es ist unklar, welche und wie viel Musik der in der Ausgabe noch fehlende Band mit den „Werken aus handschriftlicher Überlieferung“ tatsächlich umfassen soll. An der Erstellung eines vollständigen Werkverzeichnisses führt hier kein Weg vorbei.
Das Digital Lab der Gesellschaft für Bayerische Musikgeschichte will den Problemen der Lasso- und Hassler-Forschung – ausgehend von Robert Eitners Initiative – gemeinsam begegnen. Es soll eine digitale Infrastruktur geschaffen werden, in der die bestehenden Werkverzeichnisse zu Lasso zusammengeführt und in der gleichzeitig die Werke von Hassler dokumentiert werden können. Am Ende sollen zwei digitale, mit Normdaten angereicherte und mit anderen Infrastrukturen vernetzbare Onlinedatenbanken stehen, die nicht nur die musikphilologische Arbeit mit den Werken der beiden Komponisten erleichtern, sondern auch als digitale Plattform für weitergehende Forschungen verwendet werden können.
Die Vorarbeiten für dieses Projekt laufen (Stand: Mai 2026) bereits. Anhand der bestehenden Lasso-Verzeichnisse wird aktuell eine Ontologie erarbeitet, die die Basis für die Erfassung der Hassler-Werke bildet.
[1] Robert Eitner, Chronologisches Verzeichniss der gedruckten Werke von Hans Leo Hassler und Orlandus de Lassus, nebst alphabetisch geordnetem Inhaltsanzeiger (= Beilage zu den Monatsheften für Musikgeschichte V. und VI. Jahrgang), Berlin 1884.
[2] Die Orlando di Lasso-Gesamtausgabe wurde im Jahr 2022 abgeschlossen.
[3] Wolfgang Boetticher, Orlando di Lasso und seine Zeit, 1532–1594. Repertoire-Untersuchungen zur Musik der Spätrenaissance, Kassel und Basel 1958 (Reprint mit Ergänzungen: Wilhelmshaven 1999).
[4] Horst Leuchtmann und Bernhold Schmid, Orlando di Lasso: Seine Werke in zeitgenössischen Drucken 1555–1687. Supplement zur Ausgabe „Orlando di Lasso, Sämtliche Werke“, 3 Bde., Kassel u. a. 2001.
[5] https://lasso-handschriften.badw.de/, bearb. und hrsg. von Tobias Apelt, Daniela von Aretin und Adelheid Schellmann unter Mitarbeit von Alexander Heinzel und Bernhold Schmid.
[6] Vgl. dazu: Moritz Kelber, „Die Geschichte der Hans-Leo-Hassler-Ausgabe“, in: Musik in Bayern 91 (2025) [im Druck].
Werkverzeichnis Luise Adolpha Le Beau im Rahmen des Dissertationsprojekts zu den Orchesterwerken der Komponistin
Felicitas Strobl
Betrachtet man die Masse an Werkverzeichnissen, die im Rahmen verschiedenster Publikationen zu Luise Adolpha Le Beau veröffentlicht wurden,[7] stellt sich die Frage: Ist ein weiteres, digitales Werkverzeichnis überhaupt notwendig? Immerhin lässt sich die Werkliste der Komponistin etwa über die MGG, MUGI und letztlich auch IMSLP online abrufen.
Im Rahmen der Recherchen zu den Orchesterwerken Le Beaus und Forschungsreisen nach Baden-Baden, dem letzten Wohn- und Wirkungsort Le Beaus, und Berlin, wo ein Großteil der von ihr überlieferten Autographe aufbewahrt wird, wurde schnell klar, dass ein aktualisiertes Werkverzeichnis nötig ist, denn die bisherigen Verzeichnisse weisen einige Probleme auf:
Unpraktisch ist etwa, dass in keinem der Verzeichnisse eine klare ID für die Werke vergeben wurde, auf die man unkompliziert verweisen könnte. Grundsätzlich können gedruckte Verzeichnisse, anders als online publizierte, zudem nicht nachträglich abgeändert werden, um Fehler sowie Ungenauigkeiten zu korrigieren und wiederentdeckte Werke zu ergänzen. Gerade auch im Rahmen der Digitalisierung neu hinzugekommene Angaben, etwa Hinweise auf die RISM-ID von Handschriften, Digitalisate oder auch GND-Nummern zu Widmungsträgern und Textdichtern sind in den bislang im Druck veröffentlichten Verzeichnissen zum Werk Le Beaus nicht enthalten. Die online verfügbaren Werkverzeichnisse könnten in den meisten Fällen zwar ergänzt und korrigiert werden. Um einen Mehrwert im Vergleich zu den gedruckten zu liefern, wäre aber eine ausführlichere Umstrukturierung notwendig, da die bisherige Darstellungsweise in Form einer Aufzählung die Recherche nicht vereinfacht.
Ziel des im Rahmen des Dissertationsprojektes erstellten Werkverzeichnisses zu Luise Adolpha Le Beaus Kompositionen ist es, eine online verfügbare Datenbank zu schaffen, die das Werk der Komponistin übersichtlich sowie vollständig darstellt und eine Recherche nach verschiedenen Eigenschaften wie Gattung, Entstehungsort, -jahr oder Verlag ermöglicht. Durch die Online-Publikation und die Anbindung an das Institut für Musikwissenschaft der Ludwig-Maximilians-Universität München sowie das MerMEId-Projekt soll zudem garantiert werden, dass das Ergebnis möglichst dauerhaft zur Verfügung steht und beispielsweise bei neuen Notenfunden unkompliziert aktualisiert und mit neu erworbenen Daten angereichert werden kann. Konkret sollen im ersten Schritt folgende Daten erfasst werden: Titel, Opuszahl (ggf. alt und neu), bei Vokalwerken auch Textdichter und Sprache, sofern vorhanden, die Widmung, die Gattung des Werks sowie die Besetzung, die Datierung, Angaben zum Erstdruck sowie zum handschriftlichen Quellenmaterial (insbesondere Signaturangabe und ggf. RISM-Kennziffer sowie Permalinks zu Digitalisaten), sofern ermittelbar, Angaben zur Uraufführung und Hinweise zur Erwähnung des jeweiligen Werks in den bereits bestehenden Verzeichnissen.
Werkverzeichnis und digitale Erschließung: Emanuel Moór (1863–1931) im Spannungsfeld von Musikwissenschaft und Musikinformatik
Laura Schröder
Emanuel Moór (1863–1931) war ein ungarisch-schweizerischer Komponist, dessen umfangreiches Schaffen Sinfonien, Konzerte, Kammermusik, Opern und Lieder umfasst und trotz beachtlicher Rezeption zu Lebzeiten bislang nur bruchstückhaft wissenschaftlich erschlossen ist. Das Dissertationsprojekt widmet sich der Erarbeitung eines vollständigen wissenschaftlichen Werkverzeichnisses in Kooperation mit der in München ansässigen Henrik und Emanuel Moór Stiftung. Auf Basis der im Stiftungsarchiv verwahrten Quellen sowie weiterer Materialien in internationalen Bibliotheken und Archiven werden die überlieferten Werke Moórs bibliographisch, quellenkritisch und werkgeschichtlich erfasst und in einer konsistenten Werkordnung zugänglich gemacht. Die Einbindung in die Infrastruktur des MerMEId-Projekts am Centre for Digital Music Documentation der Akademie der Wissenschaften in Mainz gewährleistet eine nachhaltige Online-Publikation nach den FAIR-Prinzipien sowie die Anreicherung der Einträge mit Normdaten und Verknüpfungen zu Ressourcen wie RISM.
Darüber hinaus verfolgt das Projekt ein genuin methodisches Erkenntnisinteresse: Es untersucht, inwiefern die etablierte Methodik der musikwissenschaftlichen Werkverzeichnisforschung durch Ansätze der Musikinformatik produktiv erweitert werden kann. Konkret wird erprobt, ob und in welcher Form standardisierte, maschinenlesbare Notenrepresentationen in MEI (Music Encoding Initiative) für die systematische Erfassung und Verknüpfung von Werkdaten nutzbar sind und welchen Mehrwert computergestützte Analyseverfahren für die Identifikation, Zuschreibung und werkgeschichtliche Einordnung von Kompositionen bieten. Das Werkverzeichnis Moórs soll so zugleich als Einzelprojekt von wissenschaftlichem Wert und als exemplarisches Modell für künftige musikinformatisch angereicherte Werkverzeichnisprojekte dienen.
[7] Auswahl: Luise Adolpha Le Beau, Lebenserinnerungen einer Komponistin, Sommermeyer 1910, Reprint mit einem Vorwort, Epilog, Werkliste und Literaturliste von Ulrike B. Keil, hrsg. von Ulrike B. Keil und Willi H. Bauer, Gaggenau 1999, S. 321–326; Ulrike Keil, Luise Adolpha Le Beau und ihre Zeit. Untersuchungen zu ihrem Kammermusikstil zwischen Traditionalismus und „Neudeutscher Schule“, Frankfurt am Main u. a. 1996, S. 233–252; Anette Seimer, Luise Adolpha Le Beau. Werkverzeichnis. Literatur, in: Komponistinnen in Berlin, hrsg. von Bettina Brand u. a., Berlin 1987, S. 199–204; Judith E. Olson, „Luise Adolpha Le Beau“, in: Annäherung XIII – an sieben Komponistinnen. Portraits und Werkverzeichnisse, hrsg. von Clara Mayer, Kassel 2003, S. 137–174, hier: S. 169–172.