Hans Leo Hassler wurde 1564 in Nürnberg geboren. Die Forschung geht davon aus, dass er (wie seine beiden Brüder, Kaspar und Jakob) seine frühe musikalische Ausbildung von seinem Vater, dem Organisten Isaak Hassler, erhielt. Es gibt dafür keine eindeutigen Belege, dass Leonhard Lechner an der Ausbildung in größerem Umfang beteiligt war. Dass es Kontakt zwischen Lechner und Hassler gab, ist allerdings wahrscheinlich, denn Lechner hielt sich in der Zeit zwischen 1575 und 1584, also in den entscheidenden Jahren, in Nürnberg auf. Dass Hasslers erste Studienreise nach Venedig im Jahr 1584 zeitlich mit dem Weggang Lechners zusammenfällt, mag kein Zufall sein. Er blieb eineinhalb Jahre in Italien, wo er bei Andrea Gabrieli Orgel und Komposition studierte.
Als Komponist ist Hassler erstmals im Jahr 1585 nachweisbar. In diesem Jahr nahm Friedrich Lindner, der Kantor an St. Egidien und eine zentrale Figur des Nürnberger Musiklebens, zwei Motetten („Laudate Dominum in sanctis ejus
“ a 8 sowie „Nuptiae factae sunt
“ a 12) des jungen Musikers in einen Sammeldruck mit Stücken vorwiegend italienischer Provenienz auf. Ebenfalls in das Jahr 1585 fallen die ersten Kontakte mit der Familie Fugger. 1586 trat er dann in die Dienste der Augsburger Patrizierfamilie. Er wurde Kammerorganist von Octavian Secundus und Organist an St. Moritz in Augsburg. Dort knüpfte er unter anderem Kontakte zu Adam Gumpelzhaimer, dem Kantor an St. Anna, und war als Privatlehrer bei einflussreichen Persönlichkeiten tätig.
Hasslers Aufstieg zu einem der berühmtesten Musiker seiner Zeit dürfte einerseits seinem Können an Orgel und Kompositionstafel und andererseits den politischen Verbindungen, die eine Tätigkeit für die Fugger mit sich brachten, zu verdanken sein. Schon bei seinem ersten Einzeldruck, den Canzonette a quatro voci (Nürnberg 1590, RISM A/I H 2335), verfügte er über ein kaiserliches Druckprivileg. Nur ein Jahr später ließ er eine umfangreiche Motettensammlung folgen, die ebenfalls einem Mitglied der mächtigen Familie Fugger gewidmet ist (Cantiones sacrae, Augsburg 1591, RISM A/I H 2323). Darüber hinaus adelte Kaiser Rudolf II. Hans Leo und seine Brüder im Jahr 1595 und gewährte im Jahr 1605 sogar noch eine Standeserhöhung. Hassler kam rasch zu beträchtlichem Reichtum, den er sowohl Pfand- und Darlehensgeschäften als auch der Beteiligung am Bau von Automaten verdankte.
Im Jahr 1601 kehrte Hassler nach Nürnberg zurück , wo er den Posten als oberster Stadtmusiker bekleidete. Über die Hintergründe dieses Wechsels gibt es unterschiedliche Theorien – womöglich waren hier erneut Geldgeschäfte bzw. gescheiterte Geldgeschäfte ausschlaggebend. Ebenfalls 1601 gewährte Rudolf II. Hassler ein Privileg für seine erfolgreichen mechanischen Musikinstrumente, die beim Kaiser auf so großes Interesse stießen, dass er gleich zwei Automaten erwarb. 1602 wurde er als »kaiserlicher Hofdiener von haus aus
« angestellt. Er hatte keine Residenzpflicht in Prag und verrichtete Spezialaufträge für den Kaiser. Dazu gehörten der Handel mit Edelsteinen und Silber, aber auch Finanzgeschäfte.
1604 zog Hassler schließlich nach Ulm. Dort erwarb er 1607 das Bürgerrecht und kaufte sich 1608 in die Kaufmannszunft ein. Es schien zunächst so, als müsse Hassler nicht mehr regelmäßig muszieren, um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten, gab allerdings durchaus noch Musik in den Druck (Psalmen und Christliche Gesäng, Nürnberg 1607; Kirchengesäng: Psalmen und geistliche Lieder, Nürnberg 1608). Hassler war jetzt vor allem Kaufmann und investierte hohe Summen in das riskante Bergbaugeschäft. Er geriet offenbar auch aufgrund ausbleibender Gehaltszahlungen des Kaiserhofs in Finanznot, weshalb er eine hochbezahlte Stellung am kursächsischen Hof in Dresden annahm. Dort war er vermutlich vor allem als Organist tätig. Dass sich auch Hasslers Tod im Umfeld des politischen Hochadels ereignete, erscheint fast schon folgerichtig. Er starb 1612 in Frankfurt im Umfeld der Kaiserkrönung.
Literatur
Rudolf Schwartz, „Hans Leo Hassler unter dem Einfluss der italienischen Madrigalisten“, in: Vierteljahresschrift für Musikwissenschaft 9 (1893), Dissertation, Universität Leipzig 1887, S. 1–61.
Adolf Sandberger, Bemerkungen zur Biographie Hans Leo Haßlers und seiner Brüder sowie zur Musikgeschichte der Städte Nürnberg und Augsburg im 16. und zu Anfang des 17. Jahrhunderts (= Denkmäler der Tonkunst in Bayern 2.1), Leipzig 1904.
Erns Fritz Schmid, „Hans Leo Hassler und seine Brüder“, in: Zeitschrift des historischen Vereins für Schwaben 54 (1941), S. 60–212 und Anhang.
Hannelore Müller und Heinz Zirnbauer, Hans Leo Haßler – Leben und Werk. Zum Gedenken seines 400. Geburtstages. 1564–1964, Ausstellungskatalog der Städtischen Kunstsammlung. Augsburg und der Stadtbibliothek Nürnberg, Nürnberg 1964.
Christa Neumann, Untersuchungen zur Aufführungspraxis von Chorwerken Hans Leo Haßlers, Dissertation, Universität Halle 1969.
Vincent Joseph Panetta, Hans Leo Hassler and the Keyboard Toccata: Antecedents, Sources, Style, Dissertation, Harvard University 1991.
Hartmut Krones, Art. „Haßler“, in: MGG Online, zuerst veröffentl. 2002, online veröffentl. 2016.