Akademie 2025: „Väter“ und „Retter“ der Kirchenmusik

Organisation: Dr. Moritz Kelber

Die siebten Singer Pur Tage, die vom 8. bis 10. August 2025 stattfinden, stehen unter dem besonderen Motto „p3 – erhebende Klangwelten“. Sie widmen sich gleich drei Jubilaren, die die Musikgeschichte zu unterschiedlichen Zeitpunkten entscheidend geprägt haben. Mit Pérotin steht erstmals ein Komponist aus dem Hochmittelalter auf dem Programm am Adlersberg. Dieser „optimus discantista“ gilt als einer der Begründer der Notre-Dame-Schule und wird in vielen Musikgeschichtserzählungen als einer der Väter der europäischen mehrstimmigen Musik dargestellt. Lange nahm man an, dass „Perotinus magnus“ um 1225 verstorben ist. Neuere Forschungen zeigen jedoch, dass der Komponist, Lehrer und Kanoniker auch erst im Jahr 1246 verstorben sein könnte. Die Quellenlage darf aber als schwierig bezeichnet werden, weshalb es keineswegs abwegig erscheint, Pérotins Musik schon 2025 hochleben zu lassen. Der zweite Jubilar ist eine ähnlich mythische Figur der Musikgeschichte. 2025 feiert kein Geringerer als Giovanni Pierluigi da Palestrina (1525–1594) seinen 500. Geburtstag. Der Mythos um die Rettung der Kirchenmusik ist untrennbar mit dem Werk und mit der Biografie Palestrinas verknüpft. Auch wenn die neuere Forschung die Rolle seiner Kompositionen im Kontext des Trienter Konzils relativiert hat, darf er – auch aufgrund der intensiven Rezeption seines Schaffens im 19. Jahrhundert – als einer der bedeutendsten Komponisten der beginnenden Frühen Neuzeit bezeichnet werden. Die musikhistorische Stellung des dritten Geburtstagskinds, dem 1935 geborenen estnischen Komponisten Arvo Pärt, kann heute sicherlich noch nicht abschließend beurteilt werden. Fest steht, dass der Musiker, der 2005 unter anderem mit dem Preis der Europäischen Kirchenmusik und 2017 mit dem Joseph-Ratzinger-Preis ausgezeichnet wurde, aus der zeitgenössischen geistlichen Vokalmusik kaum wegzudenken ist. Seine Kompositionen, die gemeinhin der Neuen Einfachheit zuzuordnen sind, prägen konfessionsübergreifend die gottesdienstliche Musik der Gegenwart.

Die besondere und teilweise umstrittene Stellung der geistlichen Musik in Gottesdienst und Gesellschaft ist der rote Faden, der sich aus musikhistorischer Perspektive durch das epochenübergreifende Programm der Singer Pur Tage 2025 zieht und zu dem die Composer in Residence Eva Kuhn mit ihren Werken Bezug nimmt. Die wissenschaftliche Tagesakademie, die am 09. August 2025 stattfindet, greift den Impuls des Programms auf und fragt nicht nur nach den Besonderheiten im Schaffen der Jubilare, sondern auch nach ihrer historiographischen Stellung. Wie wurden die Künstler von Zeitgenossen, in späteren Jahrhunderten, und von der modernen Musikforschung gesehen, und wie veränderte sich der Blick auf ihre Biografie und ihr Œuvre im Laufe der Zeit?

Ergänzt wird die Tagesakademie 2025 wieder durch einen Faksimilewerkstatt. Bei dem Workshop, der von Dr. Moritz Kelber geleitet wird, erhält das Festivalpublikum die Möglichkeit, sich selbst singend mit der Musik Pérotins und Palestrinas auseinanderzusetzen – und zwar aus der Originalnotation.


Programmübersicht

10.00–10.15 Uhr
Begrüßung
Moritz Kelber

10.15–10.45 Uhr
Pracht und Pietät in der Pariser Polyphonie um 1200 – und Perotinus?
David Hiley

Kaffeepause

11.15–11.45 Uhr
Kuckuck und Nachtigall. Ein Kommentar zur Kirchenmusik nach dem Konzil von Trient
Franz Körndle

11.45–12.15 Uhr
Palestrina transalpin. Zeitgenössische Palestrina-Rezeption in deutschen Drucken und Handschriften
Elisabeth Seidel

Mittagspause

14.00–14.30 Uhr
Mensural Notation in the Age of Palestrina
Paul Kolb

14.30–15.00 Uhr
Helden und Alte Meister. Hans Pfitzners Oper Palestrina
Sebastian Bolz

15.30–16.00 Uhr
Chormusik in der Sowjetunion nach dem Zweiten Weltkrieg: zwischen Propaganda und Avantgarde
Patrick Becker

Kaffeepause

16.30–17.30
Faksimileworkshop
Moritz Kelber & Paul Kolb


Abstracts

Pracht und Pietät in der Pariser Polyphonie um 1200 – und Perotinus?

David Hiley (Regensburg)

Ohne Zweifel bezeugt das Repertoire an ein- und vor allem mehrstimmiger Musik in Paris in den Jahrzehnten um 1200 eine der bemerkenswertesten Entwicklungen in der europäischen Musikgeschichte. Bearbeitungen von gregorianischen Messegesängen für bis zu vier Stimmen, geistliche und weltliche lateinische Lieder auch für bis zu vier Stimmen: Ein riesiger Corpus, der in der umfangreichsten handschriftlichen Quelle (heute in Florenz aufbewahrt) über 900 Seiten in C5 Größe beansprucht. Im Musiktraktat eines englischen Gelehrten um 1280 werden drei- und vierstimmige Choralbearbeitungen und lateinische Lieder an „Perotinus magnus“ zugeschrieben, der als „optimus discantor“ beschrieben wird. Die genaue Identität des Komponisten bleibt jedoch unklar bzw. umstritten. Der Referent bietet einen Überblick über das Repertoire und seinen historischen und geistigen Kontext an und fasst bisherige Thesen zur Identität des „großen“ (aber ist „Perotinus“ nicht ein Diminutiv?) Meister an.


Kuckuck und Nachtigall. Ein Kommentar zur Kirchenmusik nach dem Konzil von Trient

Franz Körndle (Augsburg)

Bekanntlich wurde in der 22. Sitzung des Konzils von Trient im Jahr 1562 über die Zukunft der Kirchenmusik verhandelt. Schon früh wurde kolportiert, dass Giovanni Pierluigi da Palestrina mit der Komposition der Missa Papae Marcelli die Konzilsverantwortlichen überzeugen konnte, von einem Verbot mehrstimmiger Musik im Gottesdienst Abstand zu nehmen. Etwas abseits der großen kirchenmusikalischen Zentren diskutierte man noch lange und spielte den Gregorianischen Choral gegen die kunstvolle Polyphonie aus. Kaum je ist das aber so amüsant geschehen wie in einem kleinen Theaterstück aus dem Jesuitenkolleg in Fulda aus dem Jahr 1583. Man erkennt, wie noch 20 Jahre nach dem Ende des Konzils sich die Gemüter erhitzt werden konnten. Und ausgerechnet ein jesuitischer Autor nahm mit zahlreichen Anspielungen eine eindeutige Position ein.


Palestrina transalpin. Zeitgenössische Palestrina-Rezeption in deutschen Drucken und Handschriften

Elisabeth Seidel

Zweifelsohne ist Palestrina zu den meistgedruckten Komponisten seiner Zeit zu zählen. Seine Werke erschienen vorrangig in Rom und Venedig; auch die zeitgenössische handschriftliche Überlieferung stammt überwiegend aus seinem Wirkungsumfeld im italienischen Raum. Nördlich der Alpen dagegen ist die Dichte an zeitgenössischen Quellen von Palestrinas Musik gering.

Der Vortrag nimmt die zeitgenössische Rezeption Palestrinas im Heiligen Römischen Reich in den Blick. Den Ausgangspunkt der Analyse bildet dabei ein Überblick über die Quellen aus dem süddeutschen Raum, insbesondere über den Druck von Werken Palestrinas in den Druckoffizinen von Adam Berg in München und Katharina Gerlach in Nürnberg. Anhand dieses übersichtlichen Musikalienkorpus werden die Überlieferungskontexte von Palestrinas Musik untersucht. Als Gründe für die Präsenz (oder Abwesenheit?) seiner Kompositionen in süddeutschen Quellen lassen sich regionale und konfessionelle Faktoren eruieren. Darüber hinaus lenkt der Vortrag den Blick aber auch auf die Position Palestrinas auf dem sich in der zweiten Jahrhunderthälfte immer stärker verflechtenden internationalen Musikalienmarkt.


Mensural Notation in der Zeit Palestrinas

Paul Kolb (München)

Bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts war – begünstigt durch das Bestreben der Musikverleger, ein breiteres Publikum anzusprechen – die Notation der Vokalpolyphonie deutlich einfacher geworden als noch fünfzig Jahre zuvor. Die Regeln von Mensurierung, Imperfizierung und Alteration, die in theoretischen Abhandlungen einst eine zentrale Rolle spielten, wurden nun hintangestellt und nur noch von jenen gelesen, die sich für ältere Musik interessierten. Der überwiegende Teil der komponierten Musik war nun mit den Zeichen C oder gestrichenes C versehen, die ohne tiefergehende theoretische Kenntnisse aufgeführt werden konnten. Die Notation von Palestrinas Musik spiegelt diese neuen Entwicklungen wider, greift jedoch stellenweise auch auf ältere Techniken zurück, die ein gewisses Verständnis des tempus perfectum voraussetzen: Wir finden ältere Mensurzeichen, unterschiedliche Mensurzeichen in verschiedenen Stimmen und die wiederholte Darstellung von cantus firmi unter Verwendung derselben Notationsbild. Im Vortrag wird gezeigt, inwiefern diese alten Techniken in Kontinuität zur früheren Mensuralotation stehen.


Helden und Alte Meister. Hans Pfitzners Oper Palestrina

Sebastian Bolz (München)

Den drei Ps der diesjährigen Singer-Pur-Tage hat die Musikgeschichte 1917 ein viertes zur Seite gestellt: Im Juni 1917 kam die Oper Palestrina des deutschen Komponisten Hans Pfitzner zur Uraufführung. Sie fügte sich nicht nur in eine Tradition der Darstellung von Musikgeschichte und Künstlerfiguren auf der Bühne, sondern auch in die Mode des Renaissancismus: Musiktheater, dessen Handlung im 15. und 16. Jahrhundert spielte, hatte um 1900 Konjunktur.

Der Vortrag betrachtet Pfitzners Palestrina im Hinblick auf diese beiden Strömungen. Er fragt nach der Darstellung des Künstlers – genauer: des Komponisten – und des künstlerischen Schaffens auf der Opernbühne. Im Zentrum stehen dabei die Frage nach Inspiration und Originalität, aber auch das Verhältnis der modernen Oper und des kompositorischen Akts zur Musikgeschichte. Nachzugehen gilt es in diesem Zusammenhang auch dem Verhältnis der beiden kollidierenden musikalischen Sphären: Immerhin erzählt Palestrina im Medium der spätromantischen Musik von der Entstehung einer frühneuzeitlichen Messkomposition.

Zuletzt gilt es, Pfitzners kompositorische Palestrina-Rezeption ins Verhältnis zu musikgeschichtlichen Bemühungen um Palestrinas Musik zu setzen, wie sie etwa Alfred Einsteins 1921 ebenfalls in München erschienene Ausgabe der Missa Papae Marcelli darstellt.


Chormusik in der Sowjetunion nach dem Zweiten Weltkrieg: zwischen Propaganda und Avantgarde

Patrick Becker (Berlin)

Chormusik in der Sowjetunion der Nachkriegszeit war geprägt von einer normativen Ästhetik, die auf Verständlichkeit, kollektive Wirkung und ideologische Eindeutigkeit zielte. Der Chor fungierte als klangliches Abbild sozialistischer Gemeinschaft und als Instrument staatlicher Propaganda. Werke mussten sich einer klaren semantischen Struktur unterordnen, individuelle Ausdrucksformen galten als verdächtig oder formalistisch.

Doch gerade diese normierten Formen wurden in der musikalischen Avantgarde der Nachkriegsjahrzehnte kritisch reflektiert und zunehmend dekonstruiert. Komponist:innen wie Edison Denisov oder Arvo Pärt versuchten, die Funktion des Chors neu zu denken: als Raum für Mehrdeutigkeit, klangliche Reibung und spirituelle Dimensionen jenseits der staatlich gewünschten Kollektivsymbolik.

Der Beitrag untersucht dieses Spannungsverhältnis zwischen normierter Kollektivität und avantgardistischer Auflösung. Anhand ausgewählter Werke wird analysiert, wie der Chor in der sowjetischen Musik vom Träger ideologischer Botschaften zum Ort einer vielschichtigen Auseinandersetzung mit Gemeinschaft, Sprache und Klang wurde. Dabei wird der Chor nicht nur als musikalische, sondern auch als politische und gesellschaftliche Figur lesbar – zwischen Affirmation und Widerstand, zwischen Dogma und Experiment.


Faksimile-Workshop mit Musik von Perotin und Palestrina

Moritz Kelber und Paul Kolb Den Abschluss der Akademie bildet traditionell ein Faksimile-Workshop. Auch dieses Jahr sind wieder alle Interessierten eingeladen, Kompositionen von Perotin und Palestrina gemeinsam aus den Originalnoten zu singen. Moritz Kelber und Paul Kolb führen zuvor in die Besonderheiten der Modal- und Mensuralnotation ein.