2. Jahresvortrag von Prof. Dr. Thomas Schmidt

Am 7. Februar 2024 fand im Hauptgebäude der LMU München, der zweite GfBM-Jahresvortrag von Prof. Dr. Thomas Schmidt (University of Manchester) zum Thema Zwischen Wunderkammer und Altarraum: Die Münchner Alamire-Handschriften und die Anfänge der Musiksammlung der Bayerischen Hofkapelle statt.


Zwischen Wunderkammer und Altarraum: Die Münchner Alamire-Handschriften und die Anfänge der Musiksammlung der Bayerischen Hofkapelle

Zu den ältesten Musikhandschriften der jungen bayerischen Hofkapelle des frühen 16. Jahrhunderts gehören drei Importartikel: die Kodizes 6, 7 und 34 aus der Werkstatt des Petrus Alamire am Hof Margarethe von Österreichs in Mechelen. Die insgesamt etwa 60 erhaltenen ‚Alamire-Kodizes‘ werden von der Musikgeschichtsschreibung als ein Gipfelpunkt der mehrstimmiger Musikproduktion um und nach 1500 angesehen: Anders als die zeitgenössischen Gebrauchshandschriften für den institutionellen Eigenbedarf, deren Machart meist eher schlicht ist, sind sie in der Regel mit großem Aufwand hergestellt und gelangten als repräsentative Staatgeschenke an die wichtigsten Höfe Europas, wo sie potenziell gar nicht im Gottesdienst zum Gebrauch kamen, sondern als Wunderkammerobjekte einer mehr visuell-materiellen als akustischen Funktion zugeführt wurden.

Die drei Münchner Kodizes entsprechen nur partiell dem Phänotyp „Präsentationshandschrift“. Sie sind einerseits großformatig und mit beträchtlichem kalligraphischen Aufwand hergestellt, mit den heraldischen Insignien des Bestimmungsortes sowie dem typischen mit der burgundischen Hofkapelle assoziierten Repertoire. Andere Charakeristika machen jedoch stutzig: Anders als die Mehrzahl der Produkte aus der Werkstatt Alamires sind sie auf Papier und nicht auf Pergament kopiert; München 34 enthält Salve Reginas und nicht die üblichen Messen; und auch der Buchschmuck ist bei weitem nicht auf dem Niveau etwa der Kodizes für Friedrich den Weisen, Heinrich VIII. oder Leo X. Diesbezüglich halten die drei fraglichen Bücher kaum dem Vergleich mit den wirklichen Prachtkodizes am Münchner Hof stand, d.h. den etwa zeitgenössischen Kodizes Wolfenbüttel Cod. Guelf. A Aug. 2° oder München C, von den etwas jüngeren MielichKodizes ganz zu schweigen. Viel näher scheinen sie dagegen anderen Produkten der Alamire-Werkstatt: etwa den Büchern für die Liebfrauenbruderschaft in ’s-Hertogenbosch oder denen für die Fugger in Augsburg. Ebenso wie für diese ist daher auch für die Handschriften des Wittelsbacher Hof anzunehmen, dass es sich eben nicht um Staatsgeschenke handelt, sondern um bestellte Ware. Damit wiederum kommt ihnen eine grundlegend andere und viel bedeutendere Funktion zu als die bisher angenommene: Sie werden Teil einer planvollen Repertoirebildung seitens der im Entstehen begriffenen Hofkapelle.

D-Mbs Mus.ms. 34 (urn:nbn:de:bvb:12-bsb00079119-5)