Das Liederbuch von Peter Schöffer d. J. (1517): Edition und Teil-Rekonstruktion

Herausgeber*innen

Prof. Dr. Nicole Schwindt
Prof. Dr. Marc Lewon

Das Druckwerk

Nach den Pioniertaten O. Petruccis in Italien ab 1501 war es das deutsche Sprachgebiet, in dem die technologische Innovation des mensuralen Notendrucks seit 1507 praktiziert wurde – anfangs höchstwahrscheinlich unabhängig von Petrucci und zu einem Zeitpunkt, als in anderen Ländern noch lange keine mehrstimmige Musik im Druck publiziert wurde. Neben E. Öglin in Augsburg war es insbesondere ein Sohn des bekannten Mainzer Frühdruckers Peter Schöffer d. Ä., der diese Sparte bediente. Bereits die frühen Musikaliendrucke Peter Schöffers d. J. gelten als Petrucci in ästhetischer Hinsicht ebenbürtige Produkte. Ohne auf gleiche ökonomische und kulturelle Verhältnisse wie in Italien bauen zu können, konzen­trierte sich der rare und von den Druckern nur beiläufig betriebene deutsche Notendruck drei Jahrzehnte lang auf die Herstellung fast ausschließlich weltlicher Liederbücher und damit auf eine Gattung, die seit der Wende zum 16. Jahrhundert eine quantitativ und qualitativ große Steigerung erfuhr. Dass sich die quasi-nationale Kunstgattung des Tenorlieds etablieren konnte, verdankt sich einerseits der frühen Förderung im Umfeld des Hofes Kaiser Maximilians I., andererseits basiert die breite Akzeptanz der Gattung nicht unwesentlich auf der Verbreitung durch das Druckmedium.

D-Mbs Mus.pr. 316, Discantus, fol. Aa5v f.

Nach heutigem Wissen war es Peter Schöffer d. J., der am beständigsten zu der unternehmerisch riskanten Nischenproduktion beitrug. Seine Liederbücher erschienen in Mainz zwischen 1512 und 1517 und erneut in Straßburg 1536; vier liegen physisch vor, zwei lassen sich durch einen Raubdruck, das Kölner Liederbuch des Arnt von Aich (um 1514), erschließen bzw. in Teilen rekonstruieren. Das neue Präsentationsformat gedruckter Stimmbücher brachte es mit sich, dass vielen Garnituren der eine oder andere Band im Laufe der Zeit verloren ging. Das ist besonders dann folgenschwer, wenn nur noch ein Exemplar überhaupt erhalten ist. Dieses aus Quellensicht fatale Schicksal ereilte nicht nur Öglins zweites Liederbuch, von dem nur ein Diskant-Stimmbuch überlebt hat und somit die 30 enthaltenen Lied-Unika Fragment bleiben müssen, sondern auch Schöffers Liederbuch des Jahres 1517 (RISM [1515]³). Bis unlängst kannte man von diesem Druck ebenfalls nur die Oberstimme im Besitz der Bayerischen Staatsbibliothek München. 1984 tauchte bei Restaurierungsarbeiten an einem Band von Maximilians Theuerdank der Landesbibliothek Coburg im Einband verwendetes Makulaturmaterial aus der Tenorstimme von Schöffers Druck von 1517 auf. Die erhaltenen Druckbögen B und E enthalten das Kolophon und damit den bestätigten Druckernamen und das gegenüber früheren Annahmen zu korrigierende Erscheinungsdatum. Völlig unerwartet erhielt die Bayerische Staatsbibliothek im September 2020 die bisher völlig unbekannten Altus- und Bassus-Stimmbücher als Geschenk. Das bisher verfügbare Material aus Coburg und München ist als Digitalisat einsehbar.

D-Cl Rara / B III 1/9(Beil. 1)

Die beiden sensationellen Quellenzugänge erlauben nun zwar immer noch keinen kompletten, aber doch einen vollständigeren Blick auf die enthaltenen Lieder (siehe Liedliste im Anhang). Bisher waren von den 36 Liedern 20 über Konkordanzquellen als vierstimmige Sätze herstellbar, allerdings mit abweichenden Lesarten. Sechs Lieder sind nun erstmals vierstimmig in der Schöffer-Version von 1517 erfassbar, sechs weitere Liedsätze sind überhaupt erstmals vierstimmig edierbar. Bei zwei unikal überlieferten Sätzen bleibt auch weiterhin eine Hälfte der Tenorstimme unbekannt; der partiell vorhandene Tenor erleichtert aber eine Rekonstruktion der fehlenden Hälfte. Neun Lieder bedürfen einer vollständigen Rekonstruktion des Tenors.

Die abweichenden Lesarten der konkordanten Quellen beziehen sich interessanterweise häufig auf Tonspaltungen sowie Tonzusammenziehungen, also Veränderungen im Zusammenhang mit der Textunterlegung. Das Schöffer-Liederbuch von 1517 ist schon zu Zeiten, als nur der Diskant verfügbar war, insofern eine große Besonderheit gewesen, als es überhaupt das erste Dokument für gedruckte Textunterlegung bei Liedern war; wie nun zu sehen ist, bezieht sich die Unterlegung auf alle Stimmen. Vom Discantus-Stimmbuch abstrahierte Andrea Lindmayr-Brandl 2003 eine „fiktive Textierungslehre“ für Liedsätze des frühen 16. Jahrhunderts, die nun anhand der ihr noch nicht bekannten Stimmen zu verifizieren bzw. zu falsifizieren wäre. Stichproben ergaben bereits, dass Lindmayr-Brandls hypothetische Lösungen in ihrer Ausgabe der Lieder Paul Hofhaimers (2004) nicht Schöffers Unterlegungspraxis bei Liedern dieses Autors entsprechen, insbesondere bei Alt-Stimmen. Eine Edition könnte nicht nur für die musikalische Deklamation wichtige Detailentscheidungen bei der Textierung dokumentieren, sondern ein klares, bisher in Editions- und Aufführungspraxis noch nicht hinlänglich beherzigtes Prinzip für die Textunterlegung dieser Zeit (im Unterschied zur Praxis ab den 1530er Jahren) transparent machen: keine Wort- und Satzteil-Wiederholungen, stattdessen ausgiebige Melismatik.

Das Repertoire

Die Auswahl der gedruckten Lieder setzt das Repertoire der beiden Augsburger Lieddrucke von Öglin (1512 und 1513) nahtlos fort und stellt damit höchstwahrscheinlich eine weitere Liedsammlung aus dem Fundus der Kapelle Kaiser Maximilians I. dar (während Schöffers Liederbuch von 1513 das Repertoire des württembergischen und kurpfälzischen Hofes enthält). Die Nähe zur Habsburgischen Kapelle, die sich ab Jahresbeginn 1516 bis März 1518 in Augsburg befand, wo Hofhaimer kontinuierlich wohnte, ist an mehreren Faktoren erkennbar: auffällig viele Konkordanzen mit eindeutig maximilianischen, oft mit L. Senfl und L. Wagenrieder zusammenhängenden Quellen (in der Liedliste kursiv), früheste Überlieferung von zwei Hofhaimer-Liedern, noch 1531 war das zweite Schöffer-Liederbuch in Augsburg erwerbbar, der Theuerdank-Druck von 1517, in dessen Einband sich Schöffers Makulaturbögen befanden, war vor Maximilians Tod nur im Besitz enger Vertrauter des Kaisers. Da Öglin nach 1513 nicht mehr für die Herstellung von Notendrucken zur Verfügung stand, musste ein eventueller Plan habsburgischer Kapellmitglieder, wiederum Lieder drucken zu lassen, einen anderen Drucker ins Auge fassen; wenn umgekehrt Schöffer aus eigener Initiative einen erneuten Liederdruck anging, waren die 1516/17 in Augsburg lebenden Komponisten die erste Adresse, an die er sich wenden konnte. Trotz des Erscheinungsvermerks „Mainz“ handelt es sich höchstwahrscheinlich um Augsburger Repertoire. Neben den identifizierbaren Autoren Senfl und Hofhaimer dürften die anonymen Sätze von denselben Autoren oder weiteren Komponisten in deren Umfeld stammen. Die Kompositionen stehen durchweg auf einem hohen Niveau, das ihre Wiederbelebung in der musikalischen Praxis sehr empfehlenswert macht. Sie in Partiturform studieren zu können, würde unsere wissenschaftliche Kenntnis der Gattung Tenorlied im Allgemeinen und des Schaffens der maximilianischen Komponisten im Besonderen sehr bereichern.

Bayern-Bezug

Eine geschlossene Edition des Liederbuchs würde nicht nur ein Repertoire, das mit äußerster Wahrscheinlichkeit um 1516/17 in Augsburg entstand, erschließen, sondern auch drei bedeutende Quellen-Einheiten (Discantus-Stimmbuch, Altus-&Bassus-Stimmbuch, Tenor-Fragment), die in zwei bayerischen Bibliotheken verwahrt werden, dokumentieren.

Edition

Aufgrund der verfügbaren Stimmbuch-Digitalisate werden von den 36 Liedern Partituren mit einem Notationsprogramm nach den Editionsrichtlinien der DTB erstellt. Die unvollständigen und nicht vorhandenen Tenor-Stimmen werden von Marc Lewon in Absprache mit Nicole Schwindt rekonstruiert und entsprechend kenntlich gemacht. Ein ausführliches Vorwort geht auf die Quellen sowie den historischen Kontext ein.

Praktische Erprobung und Tonaufnahme

Die rekonstruierten Sätze werden mit Studierenden der Schola Cantorum Basiliensis sowie Mitgliedern des Ensemble Leones (Leitung: Marc Lewon) praktisch erprobt und anschließend in einer Auswahl als Konzertprogramm einstudiert. 2023 erfolgt sodann eine CD-Einspielung einer Anthologie dieser Liedsätze mit dem Ensemble Leones.

Literatur

  • Kurth, Sabine: „Neue Stimmen zum Liederbuch Peter Schöffers des Jüngeren von 1517“, in: Maximilian I. (1459–1519) und Musik. Reale Präsenz vs. virtuelle Kommunikation, hrsg. von Nicole Schwindt, 2021 (DOI: https://doi.org/10.25371/troja.v2019), S. 355–378
  • Lindmayr-Brandl, Andrea: „Peter Schöffer der Jüngere, das Erbe Gutenbergs und die ‚wahre Kunst des Druckens‘“, in: NiveauNischeNimbus. Die Anfänge des Musikdrucks nördlich der Alpen, hrsg. von Birgit Lodes, Tutzing 2010 (Wiener Forum für ältere Musikgeschichte, 3), S. 283–312
  • Lindmayr-Brandl, Andrea: „Text und Musik im Tenorlied: eine fiktive Textierungslehre von 1517“, in: Fontes Artis Musicae 50 (2003), S. 36–57
  • Schwindt, Nicole: Maximilians Lieder. Weltliche Musik in deutschen Landen um 1500, Kassel 2018, insbes. S. 518–529
  • Verzeichnis deutscher Musikfrühdrucke (http://www.vdm16.sbg.ac.at), Nr. 16